Startseite - Aktuell     Wir über uns     Unsere Partner     Mitglied werden     AlexZander    Download     Kontakt    

www.glinde.de
Es war einmal...

Die Aufzeichnungen der
Christine Amsinck (1784 - 1860 )

      Aus dem Buch "Unter dem gekrönten Turm"
      - Familiengeschichten um St. Katharinen
      von Oskar Jänisch 1935)

Unter dem gekrönten Turm

.......... vielmehr aber machte die gänzliche Stockung des Handels durch den Krieg, die Elbsperre , die Befestigung Hamburgs von den Franzosen , daß ja auf Jahre der Handel für unsere Vaterstadt vernichtet war. Aber einst im Jahre1788, wo das Geschäft recht florierte, kaufte der Vater Amsinck noch eine Kupfermühle, zu Glinde, von Hamburg , die 2 Std., zwischen Steinbeck und Reinbek belegen, der Familie seitdem zur Kutschfahrt von Sonnabend bis Montag diente. Da wurde dann am Sonnabend Morgen von der Mutter viel gepackt, um Lebensmittel auf Tage mitzunehmen, da allemal auch Freunde herauskamen. Die Equipage, auf der die Mutter und die Kinder meistens 2 Uhr Sonnabend nachmittags herausfuhren, war nicht brillant. Vier Bauernpferde mit einem Jungen, der zuweilen kaum groß genug war, um aufs Pferd zu kommen, holten den hölzernen Chaisewagen vom Stall beim Theerhof ab nach dem Holländischen Brook Nr. 72. Mutter, ihre 3 Töchter nebst einem Dienstmädchen stiegen auf; Sohn Rudolph blieb, wie er größer ward, beim Vater zurück, um später nachzufahren.

Dann gings zum Deichtor hinaus durch Hamm und Horn, Schiffbeck, Oberschleuse, Ost-Steinbeck über die Heide nach der Glinder Kupfermühle. Diese war, wie man näher kam, ein kleines Paradies gelegen. Längst sah man zwei merkwürdige hohe Tannen, die beide von gleicher Größe waren und schon von einem Punkt des Hamburger Walls beim Deichtor gesehen werden konnten. Von der Höhe der Heide sah man den großen Mühlenteich, der teilweise vom Garten begrenzt war. Über einen mit Buschwerk umzäunten Damm, über eine Brücke und gepflasterte Straße gings dem Hause zu. Die lauten Schläge des Kupferhammers bewillkommneten uns meistens. Gärtners Frau und Sohn und alles was Hände hatte, entlud rasch den Wagen, indem die Mutter trieb, nicht zu säumen, da die Gäste bald nachkommen würden. Jeder mußte seinen Posten wahrnehmen. Mama und Tochter Hannchen besorgten die Schlafstuben der Gäste zu ordnen. Lisette die Küche, Keller und Speisekammer und überlieferte der Mutter Ausborn, Frau des alten Kupferschmiedes und gewandten Köchin alles Erforderliche und Stine sorgte für Thee und schaffte die Theegeräte, Butter und Brod. Pfeiffen und Tabak zu einem gastlichen Platz im Garten. War dies besorgt, so rief auch wohl schon des Gärtners Sohn: " Se kummt all uppen Berg " und der Kaffee ward gekocht, Mutter gerufen und die Gäste bewillkommt. Da schmeckt denn der Kaffee und das Butterbrod im Freien den lieben leicht befriedigten Gästen. Sei es Onkel Gerhard Steetz und Frau und alte gute Tante Johanna, sei es Herr Geffken und Frau mit einigen Kindern oder wer sonst. Kaum hatten die Herren, die nicht lange Rast hielten, mit ihren Pfeifen einige Schritte im Garten getan als des Gärtners Sohn aufforderte: ob gefällig, das Fischen mitanzusehen ? Es ward nämlich im Frühjahr im großen Mühlenteiche gefischt und eine große Menge in einen 4ekigen Teich gesetzt, von wo aus sie leicht zu bekommen waren. Da ging dann die ganze Gesellschaft gerne mit; Gärtner und Sohn mit einem großen Netze voran und umzogen den Teich, wo dann an einer Stelle aufgezogen ward. Ein meistens sehr gesegneter Fischzug von Hechten, Barsch, Braxen und Schlei. Der größte Teil ward dem Wasser wieder übergeben und Mutter Amsinck wählte die Zahl der Fische für den Abend aus.

Dann erscholl es wieder: Madame, de Herr kummt und Vater, der noch die Börse besucht und manches kleines Geschäft ausgeführt haben mochte, kam mit einigen Herren auf seinem leichten Stuhlwagen hearaus, sei es CandidatWinder, Cand. Schacht, Herr Duesberg, Herr Bleisticker; letzterer kam meistens erst spät Abends zu Fuß, oder in früheren Jahren Herr Repsold oder manche sonstige Herren. Die schwarzen Wagenpferde witterten schon den Glinder Hafer und trippelten gewaltig, verlangend, daß Kutscher Maltes zum Stall führte Nachdem die Herren sich durch Speis und Trank erquickt, ging der Vater erst seinen Geschäften nach, zu dem Kupferschmied, Meister Ausborn, besah die gefertigten Waren und bestellte wohl aus neue eine geforderte Masse Schiffsblatt zum Beschlagen von Schiffen oder Dachblatt zum Decken oder Ausbessern von Kirchen oder anderen Gebäuden oder zum Verschiffen. Die übrige Gesellschaft erging sich in den weitläufigen Gärten, die sehr viel Obstbäume enthielten, die, wenn sie gut trugen, soviel Äpfel und Birnen verschafften, daß außer dem großen Amsinckschen Hausstande noch manches in der Familie recht reichlich besorgt ward. Diese Obstbäume trugen regelmä0ig sehr gesegnet 2 Jahre nach einander, die beiden folgenden Jahre wurden sie von den Maikäfern so total abgefressen, daß sie nicht eine Frucht lieferten und im Juni die gänzlich kahlgefressenen Bäume erst wieder grün ausschlugen.

Da diese Mühle einsam in der Heide lag und ringsrum nichts eben für die Käfer zu finden war, so fielen sie in solcher Menge über die Obstbäume her, daß sie nicht zu vertilgen waren. Bei Eimern und scheffelweise konnte man leicht auflesen, aber wie töten ? Wurden sie in den Teich geworfen, so ruderten sie bis sie ein Blatt fanden und flogen davon. Ob diese 2 Ruhe-jahre der Bäume es veranlaßten , daß sie die beiden anderen Jahre so über aus gesegnet mit Früchten waren, daß man die beiden unfruchtbaren Jahre genugsam davon trocknen konnte ? Übrigens entbehrte das Auge nicht an angenehmen Grün, denn es waren eine solche Masse der schönsten Linden da, die von den Käfern gänzlich ungefressen blieben, und ihnen nach Sonnenuntergang nur zum Nachtquartier dienten. Um eine kurze Zeit war es denn nicht geheuer, draußen zu gehen, indem ein solches Gesumme der Käfer war, die oft gerade um Kopf und Gesicht flogen. Wenn die Eichen im Glinder und Steinbecker Holz erst ausgeschla-gen waren, wurden wir die Plage los, dann hatten sie aber schon ihren Teil verzehrt.

Vier verschiedene Gärten hatte unser Glinde, den einen zunächst an dem sehr geräumigen Wohnhaus ( wo für 20 Personen Schlafgemächer waren ); die anderen Gärten dem Wohnhaus gegenüber, und 2 große Alleen außer dem hölzernen Tore, wodurch die nicht nöthige Durch-fahrt abgeschlossen werden konnten, da eigentlich kein Weg darüber führte.

Für den ersten Sonnabend Abend blieb für die Gesellschaft nichts weiter übrig, als sich zeitig in die große Stube des Hauses um den Tisch zu setzen, worauf regelmäßig ein paar große Schüsseln mit gekochten Fischen bei einem Glase Wein das frugale Mahl ausmachten. Zur Zeit vielleicht noch eine Schüssel arabischen Erdbeeren bei einem Käsebutterbrod. Herr Professor Lichtenstein als Naturforscher machte einst die Bemerkung, daß die Hechte im Glinder Teiche sich dadurch auszeichneten, daß der Oberkiefer vorstände, statt daß sonst bei Hechten der Unterkiefer bedeutend vorausragte.
Teil 1. Wird fortgesetzt!

Die Aufzeichnungen der
Christine Amsinck (1784 - 1860 ) Teil II

      Aus dem Buch "Unter dem gekrönten Turm"
      - Familiengeschichten um St. Katharinen
      von Oskar Jänisch 1935)

Unter dem gekrönten Turm

Am Sonntag Morgen ward der Kaffee im Lusthaus eingenommen, welches halb auf Pfählen über dem Mühlenteich gebaut war, und zu welchem vom steinernen Hofplatz eine Treppe mit einem Balkon führte. Manche der Herren hatten bei schönem Wetter einen frühen Spaziergang gemacht, oder den Teich mit Kahn oder Ewer befahren. Die zahlreiche Gesellschaft unterhielt sich oft lange beim Kaffee und Frühstück und Pfeife. Nachdem lud der Hausvater zu einer Versammlung in die große Stube des Hauses ein; es ward von ihm oder einem anderen Herren eine Predigt vorgelesen und nachdem ein Gesang gesungen; das Dienstmädchen kam während dieser Stunde herein, mitzuhören.

Dann versammelte sich alles im Freien. Oft fanden die Herren und auch wohl Damen Vergnügen zu angeln und nahmen Platz auf einen großen Stege am Teich, es bewiesen oft Einige unerhörte Geduld, und ein paar kleine Rotaugen oder Weißfische war meistens der ganze Ertrag. Meistenteils versammelten sich zahlreiche Personen in der sogen. Lieblings-laube, die ein Paar große Linden im Hinterhalt und vorne beim Eingang hatte, recht dicht bewachsen war, und eine große Personenzahl fassen konnte; von dieser Laube gingen seitwärts noch drei große Lauben aus. Da ward dann einst von jungen Leuten in den beiden Linden des Eingangs eine Schaukel errichtet. Pastor Jänisch und Pastor Müller waren mit Familie zugegen . Lange schon war es munter dabei zugegangen, aber der Onkel Jänisch hatte gleich anfangs dem Tau, das dazu angewandt war, gemißtraut, und so brach es denn auch, als Hannchen darin saß und fiel sachte zur Erde. Dies ward Veranlassung zu einem Gedicht aus dem Stegreif von Pastor Jänisch und Müller verfertigt lautete folgendermaßen:

Melodie: Contres les chagrins.


Hier in Glindes dunklen Hallen.
Hier begann das Schaukelspiel.
Ha ! Ein Spiel, das unter Allen
unserem Hannchen wohlgefiel.


Ein paar schmucke Junggesellen
Standen unermüdet da,
Hoch sie in die Luft zu schnellen;
Aber höret, was geschah !


Stolz saß Hannchen in der Schaukel,
Träumte sich der Freuden viel,
Aber bald war schon der Schaukel
Strick entzwei, aus war das Spiel


Aber kühn sind große Seelen !
Sie versuchte es aus neu,
Nur das konnt sie nicht verhehlen
Onkel war zuviel dabei.


Kinder, nehmt aus dieser Mähre,
Denn noch ist des Lernens Zeit
Nehm daraus die weise Lehre
Eh es euch zu spät gereut.


Höret, was die Alten sprechen,
Folgt nicht immer eurem Sinn.
Auch der stärkste Strick kann brechen.
Bums ! Da liegt die Schauklerin.

Die Gesellschaft trennte sich erst von diesem anmutigen kühlen Platze, als die Glocke zum Mittagessen ertönte. Der Nachmittag ward oft von den jungen Leuten zum Ballspiel auf der großen Wiese hinter dem Garten benutzt, wie zu mancherlei Spielen im Freien, an denen oft ältere Leute teilnahmen.

Am Abend ward wohl eine Fahrt im Ewer auf dem Mühleneich unternommen, wobei manch fröhlich Lied angestimmt ward, oder ein Spaziergang zum Glinder Dorf gemacht, welches nicht viel über 1/2 Stunde entlegen war. Oder es ward einmal von den älteren Leuten eine Fahrt zu Wagen nach Reinbeck beliebt; die zahlreiche Jugend oder wer Lust hatte, wanderte zu Fuß. Reinbeck ergötzte durch die angenehme Lage; und Spaziergänge im Holz wurden unternommen und die Berge hinter dem Schloß bestiegen. In der Laube des Wirtsgartens ward von den Alten Thee eingenommen; ein blinder Flötenspieler gegenüber auf einem Steine sitzend, war eine Eigentümlichkeit, die dazu gehörte. Die jungen Leute besuchten das Landhaus an der Bille gelegen, und holten Pfeffernüsse und Kringel und für Mama Amsinck einen neuen Vorrath frischen Brodes. -man kehtre zurück, wie man gekommen war, die Jugend kam singend und fröhlich bei Mondschein heim. Cand. Minder hatte einst ein Lied verfaßt, welches unzählige Mal gesungen worden ist undlautet:

Lied auf Glinde zu singen:
Melodie: Laßt die Politiker nur sprechen.


Fern von dem städtischen Getümmel
Fliehn wir auf diese stille Flur;
Hier lächelt uns ein heitrer Himmel
Und freundlich ladet die Natur


Am Silberbach, im stillen Heim
Zur Freude, zum Gesange ein.
Wir gleiten bald auf sanftem Spiegel
Des Schilfumkränzten Teiches hin,


Den goldne Saaten, Busch und Hügel
Vom Abenroth beglänzt umziehen.
Es tönt der laute Widerhall
Von unsrer Lieder frohem Schall.


Bald eilen wir durch Saatgefilde
Zum nachbarlichen Dörfchen hin,
Und preisen unsres Schöpfers Milde,
Der Felder reichlichen Gewinn.


Wir lagern uns und sehn in Ruh
Der Schnitter regem Fleiße zu.
Wenn dann der Dämmrung traute Hülle
Auf Garten, Flur und Felder sinkt,


Und wenn des Abends sanfte -Stille
Uns Wanderern zur Heimkehr winkt,
Dann weckt das holde Saitenspiel
Der Freude heiliges Gefühl.


Wenn Du mt freundlichem Gesichte
O Mond ! auf unsre Fluren strahlst,
Wenn Du mit silberfarbenem Lichte
Der hehren Tannen Wipfel malst,


Dann lockt uns Ruh und Schlummer nicht
Wir schaun Dir froh ins Angesicht.
Es sieht herab auf unsre Spiele
Der Abendstern mit sanftem Blick;


Er ruft die seelischen Gefühle
Der Kinderjahre uns zurück,
Und lockt das sorgenfreie Herz
Zu heiterm, jugendlichen Scherz.


Hier, wo in unsrer Mitte
Für uns so manche Freude blüht;
Hier, wo nach echter deutscher Sitte
Das Herz für treue Freundschaft glüht,
Hier, Freunde, singet alle noch:
Es lebe unser Glinde hoch !

Abends ward bei einem mehrenteils verstimmten Klavier munter gesungen, und nach dem Abendessen entweder von Alt oder Jung gemeinschaftlich Unterhaltung getrieben, oder es ging auch bei schönen Wetter noch nach Tisch in den Garten zu einen großen runden Platz von geschorenen Lindenhecken, in dessen Mitte auf einen kleinen Grasplatz eine schlanke Tanne stand. Das war der Blindekuhplatz und manches Jahr ein Lieblingsvergnügen der Jugend.

Wird fortgesetzt